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10 Dinge, die ich beim Wandern auf dem Allgäuer Jakobsweg gelernt habe

Ich kann mich nicht mehr erinnern, was mich das erste Mal auf den Jakobsweg geführt hat. Seitdem vergeht allerdings kein Jahr, in dem ich nicht auf dem einen oder anderen Fernwanderweg zu finden bin. Und es war und ist wunderbar. Aber es gibt einige Dinge, die ich gerne davor gewusst hätte…

Der Allgäuer Jakobsweg ist nicht so bekannt wie der klassische in Spanien. Er führt auch nicht nach Santiago sondern von München nach Lindau am Bodensee (mit einer Variante nach Bregenz in der Schweiz). In den zwei Wochen, die ich ihm gefolgt bin, habe ich atemberaubende, abwechslungsreiche Natur und wunderschöne Kirchen bestaunt (unter anderem die Wieskirche, ein Weltkulturerbe), malerische Dörfer und hübsche Städtchen passiert, zutrauliche Tiere und nette Menschen erlebt. Ich habe unglaublich gut gegessen oder manchmal gar nicht, an schönen und manchmal etwas weniger schönen Orten geschlafen und alles fast vor meiner Haustüre. Einen großen Vorteil hat dieser Jakobsweg auch noch: er ist ziemlich einsam, so wie es sich meiner Meinung nach für einen Jakobsweg gehört. Teilweise trifft man andere Fernwanderer und Wanderinnen, die auf dem König-Ludwig-Weg nach Füssen gehen, aber im Grunde ist man auf diesem Weg allein mit sich, oder mit einer höheren Macht, oder mit den Allgäuer Kühen.

Aber eins nach dem anderen. An einem höllisch heißen Montag im Juli 2015 ist es dann soweit: mit vollgepacktem Rucksack steige ich in die S-Bahn zum Ammersee und mache mich auf den Weg, auf dem ich die nächsten zwei Wochen verbringen werde. Ich trage acht Kilogramm auf dem Rücken, inklusive zwei Bücher, Fotoapparat, Essen, Wasser, zwei Garnituren an Wechselklamotten, Stadtschuhe und vieles mehr.

 

Lehre Nr. 1: Man trägt alles auf dem Rücken. Was nicht wirklich (wirklich!) notwendig ist, sollte zu Hause bleiben.

Es gibt viele Packlisten im Internet (hier eine von mir). Je nach Land und Saison sind andere Dinge wichtig, ein Buch (geschweige denn zwei) ist es in den meisten Fällen nicht. Auch kein Duschgel oder Shampoo…

Am Nachmittag laufe ich immer noch um den Ammersee. Es ist heiß und ich habe bereits 25 km zurückgelegt. In Reisting gehe ich eine gefühlt 100 km lange Etappe durch den Wald (tatsächlich sind es sieben). Ich habe seit Stunden keine Menschenseele gesehen, dafür Millionen und Abermillionen Mückenseelen. Die Landschaft ist schön aber der Weg zieht sich wie Kaugummi. Dabei lerne ich, dass sich die Kilometer ausdehnen, je nachdem, wie weit ich an einem Tag gegangen bin. Die ersten zehn sind relativ kurz. Die nächsten zehn ziehen sich etwas hin, sind aber immer noch zu schaffen. Die letzten zehn sind schwierig und scheinen unendlich.

 

Lehre Nr. 2: bevor man sich auf eine Fernwanderung macht, ist es wichtig, einige Male unter realistischen Bedingungen zu trainieren.

Man lernt dabei seinen Körper kennen, entdeckt, was möglicherweise weh tut und wie man reagiert, wenn es wirklich hart wird. (Trainieren kannst du zum Beispiel auf längere Tageswanderungen).

Ich komme völlig entkräftet und mit schmerzenden Beinen nach 32 km in Wessobrunn im Pfaffenwinkel an. Kloster Wessobrunn ist verlassen und in den alten Gemäuern lebt nur noch die vermutlich kleinste Maus der Welt. Ich bin völlig erledigt und kann kaum die Treppe zu meinem Zimmer im ersten Stock erklimmen. 

Lehre Nr. 3: wenn man die Etappen im Voraus festlegt, sollte man am ersten Tag möglichst eine etwas kürzere planen.

(Wenn man einfach losgeht, ohne vorher gebucht zu haben, siehe Lehre Nr. 4…).

Der Weg geht weiter über den Hohenpeißenberg. Es ist eine kurze Etappe, nur 15 km. Sie hat es aber in sich: der Berg ist fast 1000 Meter hoch. Oben angekommen, gönne ich mir eine Brotzeit, genieße die atemberaubende Aussicht und steige dann nach unten zu meiner Unterkunft. Sie ist laut, heiß und an der Straße. Zum Abendessen gibt es Leitungswasser weil ich ausgerechnet an einem Tag ankomme, an dem alle Gaststätten des Dorfs gleichzeitig Ruhetag haben.

Lehre Nr. 4, die mir über mehrere Tage im Allgäu eingebläut wird: auch auf einem Weg mit viel Infrastruktur kann man am „falschen Tag“ oder in der „falschen Jahreszeit“ vorbeikommen.

Man kann nicht alles bis ins Detail planen, wenn man unliebsame Überraschungen vermeiden will, lohnt es sich aber, etwas mehr Zeit in die Vorrecherche zu investieren. Das kann auch bei Übernachtungen der Fall sein (zwei Jahre später bin ich durch die Leutasch nach Innsbruck gelaufen und musste bitter feststellen, dass im April so gut wie nichts dort offen hat. Am Ende ging das doch gut aus, das ist auf dem Camino oft so, ich würde aber nicht immer darauf bauen).

Die nächste Etappe führt durch die wildromantische Ammerschlucht, über Treppen und Stege. Ich sehe einen roten Pfeil nach links und nehme den Weg, der mir spannender erscheint. Ein Fehler! Der Weg, auf dem ich nun gehe, wird immer enger, steiler, links der Abgrund, auf dem Rücken der schwere Rucksack, der mich nach unten zieht. Ich muss irgendwann auf allen vieren kriechen und es ist nicht mehr lustig. Ich werde auch von unzähligen Insekten gestochen, die sich augenscheinlich freuen, dass ihre Mahlzeit einfach so vorbei kommt, das passiert vermutlich nicht so oft. 

Lehre Nr. 5: lieber auf dem markierten Weg bleiben.

(In die Schlucht bin ich dann letztendlich drei Jahre später abgestürzt, als ich mit meinem Partner auf einem Tagesausflug und ohne schweren Rucksack unterwegs war. Die Schulter hat sich seitdem erholt, mein Ego noch nicht ganz).

Etwas später komme ich doch oben an, wo das wunderschöne Kloster Rottenbuch wartet.

Die weitere Etappe führt über Wildsteig, die weltberühmte Wieskirche und Moorpfade nach Steingaden und Lechbrück. Die Landschaft im Pfaffenwinkel ist wunderschön und wild und völlig anders als in der Münchner Umgebung. Ich habe ein Privatzimmer gebucht, aus einem alten Reiseführer. Die Gastgeberin wundert sich, sie vermietet das Zimmer schon lange nicht mehr, macht aber für mich eine Ausnahme. Sie stammt aus China und lebt seit 30 Jahren in Deutschland. Es stellt sich heraus, dass unsere Töchter gleichaltrig sind und wir verbringen einen wunderschönen gemeinsamen Abend.

Am Tag danach laufe ich über den 1055 m hohen Auenberg. Oben befindet sich ein Ausflugslokal und eine Flüchtlingsunterkunft im völligen Nirwana. Ich muss über die Integrationspolitik in Bayern sinnieren, während ich den Berg wieder nach unten gehe, zu einem der friedlichsten Orte, die man sich nur vorstellen kann. Das Essen im Landgasthof Sonne, in der Nähe einer Kirche und eines Friedhofs, ist vorzüglich.

Die nächste größere Ortschaft ist Marktoberdorf. Von dort nach Kempten ist eine längere Etappe. Es ist windig und nass. Ich entscheide ohne viel schlechtes Gewissen, den Zug zu nehmen. Eine gute Idee, nicht nur wegen des Wetters. So habe ich Zeit, die wirklich schöne Stadt Kempten in aller Ruhe zu bewundern. Ansonsten hätte ich das richtig bereut (wie einige Jahre zuvor, als ich zufällig in Leipzig vorbei kam und keine Zeit eingeplant hatte, diese unglaublich tolle Stadt zu besichtigen).

Lehre Nr. 6: auch wenn der Schwerpunkt der Reise das Wandern ist, lohnt es sich, für manche Orte und Städte Besichtigungspausen einzulegen. Plane genug Zeit dafür.

Die weitere Etappe führt nach Buchenberg und dann weiter nach Weitnau. Ich bin nun gut in Form und habe eine längere Etappe vor mir. Im Reiseführer steht etwas über einen lohnenswerten Abstecher zu der Ruine Alt-Trauchburg. Auf der Karte sind es nicht mehr als zwei km. Tatsächlich ist es auch so, allerding geht es einige hundert Höhenmeter nach unten. Die Ruine mit angeschlossenem Lokal ist richtig toll und ich freue mich, den Abstecher gemacht zu haben. Zumindest so lange, bis ich die Höhenmeter wieder nach oben muss. Der Tag wird lang.

Lehre Nr. 7: ein kleiner Abstecher im Reiseführer ist in der Realität oft nicht wirklich klein – es können noch einige Höhenmeter dazu kommen. Mache dir das bewusst, bevor du dich entscheidest abzubiegen…

Den nächsten Tag kann man auf mehrere Weisen verbringen: die längere Etappe verspricht einen kulinarischen Hochgenuss. Es geht insbesondere um Allgäuer Käse. Mir fallen die Kühe seit mehreren Tagen auf: sie sind außergewöhnlich schön, braun und sehen eher wie Rehe aus. ich bin aber auch mit mir selbst uneinig, was das Thema Käse betrifft. Ich versuche, möglichst vegan zu leben und halte wenig von der industriellen Tierhaltung. Diese Kühe hier scheinen aber ein gutes Leben zu haben. Und ich finde es toll, dass sie da sind. Ich nehme allerdings die Naturetappe. Sie ist kürzer und führt entlang der Eistobel, ein wilder Bach. Am Abend komme ich zum Landgasthof beim Kräuterwirt mit unglaublich gutem Essen, auch das vegetarische Angebot ist hervorragend. Er liegt ein wenig abseits des Weges aber allein um hier zu essen lohnt es sich, 20 km zu Fuß zu gehen – geschweige denn die zwei, die ich als Abstecher nehmen musste…

Lehre Nr. 8: es gibt richtig gute Gaststätten in Bayern. Es lohnt sich, einige zusätzliche Kilometer dafür in Kauf zu nehmen.

(Allerdings sollte man dennoch die Lehren Nummer 4 und 7 im Kopf behalten)

Propervoll auch nach dem Frühstück mache ich mich am nächsten Tag auf den Weg zu der vorletzten Etappe. Unterwegs treffe ich Petra, eine junge Lehrerin aus Prag, die seit Wochen mit Zelt unterwegs ist. Wir sprechen über Gott und die Welt als der Himmel dunkel wird und es richtig zu schütten anfängt. Petra hat einen Ganzkörper-Umhang und zwei Stunden später, als wir uns trennen, ist sie noch völlig trocken. Ich nicht. Ich bin bis auf die Haut triefnass als ich in Scheidegg, der angeblich sonnigsten Ortschaft Deutschlands ankomme. Die Rezeptionistin meiner Unterkunft nimmt meinen Vorwurf mit einem Lächeln auf und freut sich, mir mitzuteilen, dass es im Haus eine Sauna gibt.

Lehre Nr. 9: in gute Regenkleidung zu investieren ist sehr sinnvoll.

Ich habe das im Jahr danach gemacht und bislang nie bereut, zumal es auch Fernwanderwege in nördlicheren Gegenden gibt (und mich immer wieder dorthin  zieht).

Der letzte Tag beginnt wieder mit Sonnenschein. Ich laufe eine etwas längere Etappe, allerdings stetig nach unten. Sie führt durch Dörfer und an Apfelplantagen entlang, wo die berühmten Bodenseeäpfel wachsen. Ich bleibe oft stehen. Es ist der letzte Tag und irgendwie unwirklich, dass am Ende des Tages auch der Weg zu Ende sein soll. Ich komme am späten Nachmittag am Ortsschild Lindau vorbei und muss inne halten. Überwältigend ist es, vor dem großen blauen Bodensee zu stehen. Nicht nur die Stadt und der See sind wunderschön sondern auch das Gefühl, es geschafft zu haben.

Lehre Nr. 10, die wichtigste von allen: Geh auf dem Jakobsweg!

Es gibt unglaublich schöne und abwechslungsreiche Wege direkt vor der Haustür. Probiere sie einfach mal aus. Und falls du das lieber in Begleitung tun möchtest, gibt es hier tolle Möglichkeiten.

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